Der Türsteher Gottes: Er bewacht die Flüchtlinge

An ihm muss man erst einmal vorbeikommen: Groß und breitschultrig steht Hotte (55) vor der St. Pauli-Kirche, in der 80 afrikanische Flüchtlinge leben. Jede Nacht passt der Ex-Türsteher auf, dass sie ruhig schlafen können – ehrenamtlich. 

Von Lisa-Marie Eckardt für die Hamburger Morgenpost:

Sobald jemand an der Pforte rüttelt, steht der 1,93-Meter-Mann auf der Treppe zur Kirche. Mit verschränkten Armen guckt er argwöhnisch auf den Besucher hinunter. Sehr respekteinflößend ist das.

“Harte Schale, weicher Kern”, weiß Pastor Sieghard Wilm über Gottes Türsteher zu berichten, der eigentlich Horst Kriegel heißt. Als er hörte, dass der Pastor Hilfe braucht, war Hotte, wie ihn alle nennen, sofort da. Zwei rechte Burschenschaftler hatten die Flüchtlinge bedroht. “Da dachte ich mir, ich muss etwas tun”, sagt Hotte. “Es geht gar nicht, dass Flüchtlinge, die sowieso schon traumatisiert sind, auch noch bedroht werden und nicht mal in Ruhe schlafen können.”

Artkel in der Mopo. Fotos vom Florian Quandt

Artkel in der Mopo. Fotos vom Florian Quandt

Doch es gibt noch andere Störenfriede: besoffene Partygänger etwa, die den Kirchgarten als Toilette benutzen wollen. Auch andere Flüchtlinge darf Hotte nicht reinlassen: “Selbst wenn mir das manchmal in der Seele wehtut.”

Etwa 300 afrikanische Flüchtlinge sind aus Libyen über Lampedusa nach Hamburg gekommen, nur 80 von ihnen konnten einen Platz in der St. Pauli-Kirche finden. Unterstützung bekommt Hotte von den St. Pauli Ultras – die haben ihm auch seine Hütte gebaut, in der er in frischen Nächten sitzt. Doch nur er schiebt jede Nacht Wache.

Für Andreas (30) und Kuuadjo (25) aus Ghana ist er längst zu einem Freund geworden. Wenn sie nicht schlafen können, kommen sie gern in Hottes Hütte und erzählen ihm Geschichten ihrer Flucht. Auch Hottes Leben war nicht immer einfach: Mit 14 lief er vor der Gewalt zu Hause weg. Mit 19 fing er als Türsteher an, stand in den 80ern vor Clubs wie dem “Aftershave”, “Mezza Notte” und “Die Insel”.

Heute ist er Sicherheitsberater, DJ – und redet gern Klartext: “Unsere Stadt leistet sich ein Götzenbild namens Elbphilharmonie und kriegt es nicht hin, 300 Leute zu integrieren? Das ist ein Armutszeugnis!” Statt auf Politik setzt er auf Zivilcourage. Er will der Gesellschaft etwas zurückgeben – und seinem Stadtteil St. Pauli. Gläubig ist er nicht, trotzdem sagt er: “Das ist meine Kirche! Hier bin ich getauft und in die Kita gegangen. Nur weil hier so ein Zusammenhalt herrscht, ist das alles möglich. So liebe ich mein St. Pauli.”

Wenn es kalt wird, sollen die Flüchtlinge in Container ziehen. Hotte jedenfalls bleibt “so lange, wie ich gebraucht werde. Ich kann das länger machen, als die Politik sich vorstellen kann. St. Paulianer sind bekannt für ihren langen Atem.”

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