Vocer-Stipendium – Omas Notizbuch

 

Als Stipendiatin des Vocer Innovation Medialab begebe ich mich auf eine Reise in die Vergangenheit: Für eine Multimediale Reportage reise ich nach Polen, um die Flucht- und Vertriebenengeschichte meiner Oma aufzuarbeiten – und um die aktuelle Geflüchtetendebatte besser zu verstehen.

Die Heimat meiner Oma liegt heute in Polen. Eines jener Gebiete, die zwölf bis 14 Millionen Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flucht und Vertreibung verlassen mussten. Meine Oma war eine von ihnen. Ihre Geschichte hat mich mein Leben lang begleitet. Bis in das hohe Alter von 93 Jahren wusste sie noch fast jedes Detail, erzählte mir immer wieder von den schrecklichen Erinnerungen, die ihr Gedächtnis sie nie vergessen lassen wollte. Irgendwann werde ich sie für dich ausschreiben, habe ich oft versprochen. Leider hat sie das nicht mehr erlebt. Vor wenigen Monaten ist meine Oma gestorben.

Doch sie hat mir etwas hinterlassen: Ein Notizbuch (auf Polnisch: Notatnik), gefüllt mit den Erinnerungen von ihrer missglückten Flucht, Jahren in der Gefangenschaft und dem schweren Neuanfang. Diesen möchte ich nun nachgehen — auf einer Reise in ihr Heimatdorf. Im Gepäck habe ich viele Fragen: Was hat meine Oma auf ihrer Flucht und im Arbeitslager erlebt? Wo kommt sie eigentlich her? Und was hat das mit mir zu tun?

Ich will mehr wissen über das Schicksal von Flüchtlingen und Vertriebenen. Das Thema fasziniert mich — auch oder gerade weil es in unserer Gesellschaft für geflüchtete und vertriebene Deutsche wenig Verständnis gibt. Für die Vertreter der 68er-Generation war klar: Wer sich mit dem Leid der Deutschen beschäftigt, steht im Verdacht, die deutsche Schuld leugnen zu wollen. Andererseits sorgte das Auftreten der Vertriebenenverbände immer wieder für Diskussionen. In Polen war eine Aufarbeitung erst in den 90er Jahren möglich. Bei uns stößt das Thema bis heute auf Unbehagen. Aber wie lässt sich die Geschichte zeitgemäß erzählen?

Die aktuelle Flüchtlingskrise wirft neue Fragen auf. Auch wenn die Umstände andere sind — können die Erinnerungen unserer Großeltern uns helfen, zu verstehen was es heißt, Flüchtling zu sein? Was passiert mit einem, wenn man seine Heimat verlassen muss und unterwegs auch noch die Familie verliert? Wie kann man neu beginnen, wenn alles fremd ist und einem nichts geblieben ist außer ein paar vergilbte Fotos?
Politisch zeigt Polen derzeit wenig Verständnis. Aber was denken die Menschen dort wirklich über Flüchtlinge — über die von heute und die von damals? Darüber möchte ich mit jungen und alten Menschen sprechen — zunächst in den Großstädten Breslau, Krakau, Warschau und Danzig, bevor mich meine Reise schließlich in die westpreußische Heimat meiner Oma führt, nahe dem ehemaligen Bromberg.

Dort möchte ich herausfinden: Wer lebt heute in ihrem Heimatdorf? Woher kamen diese Menschen und was wissen sie über die früheren Bewohner? Wer erinnert sich noch? Und wie geht das Dorf damit um? Der Fluchtweg meiner Oma endete für sie zunächst im Lager Potulice — einer ehemaligen Außenstelle des KZs Stutthof, das nach dem Krieg von den Polen als Gefangenenlager weiter betrieben wurde. Ich möchte auch die Gedenkstätte besuchen, die seit 200 ebenfalls an die deutschen Opfer erinnert.

Meine Leser sollen mich dabei auf meiner Reise begleiten. Sie können meinen Weg und meine Recherche über Social Media mitverfolgen, mir Feedback und hilfreiche Tipps geben oder mir Kontakte in Polen vermitteln. Per Bus und Bahn geht es quer durchs Land. Übernachten möchte ich am liebsten bei Einheimischen, die mir ihre Couch anbieten und mir mehr über ihr Land erzählen.

Am Ende wird aus meinen gesammelten Eindrücken eine Multimedia-Reportage entstehen. Ein Herzensprojekt, für das es im normalen Redaktionsalltag wenig Raum gibt. Eine Förderung durch das Vocer Innovation Media Lab macht es mir dennoch möglich, das Projekt umzusetzen und mir dabei viel Freiraum zum Ausprobieren zu nehmen. An dieser Stelle möchte ich über meine Erfahrungen bei meiner Recherche berichten. Welche Tools, Plattformen und Netzwerke konnte ich nutzen und wie hilfreich waren diese?

 

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